Fressen Eulen Laub? Mit den Kämpfelbach-Paten unterwegs
Von Juergen Oeder
Paten sind Menschen, die Kinder auf ihrem Lebensweg hin zum Erwachsenwerden begleiten. Solch eine Hilfe leisten auch die Paten des Kämpfelbachs im Enzkreis. Sie haben über die Jahre aus dem rund 12 km langen und einst artenarmen Wasser ein komplexes, gesundes Biotop geschaffen. Ehrenamtlich, mit viel Liebe und bis zu 800 Arbeitsstunden im Jahr geben sie der Natur geduldig zurück, was der Mensch ihr einst genommen hat. Was alles hinter den Schlagworten ‚Biodiversität‘ und ‚Renaturierung‘ steckt, weiß Harry Faaß, seit 2015 Leiter der zum Anglerverein Karlsruhe gehörenden Bachpatengruppe.

Die schönste Stelle am Kämpfelbach sind die sogenannten Kaskaden.
Foto: Jürgen Oeder
Die Patenschaft begann vor 35 Jahren. Damals war der Bach in vielen Bereichen noch stark begradigt, teilweise sogar verdohlt, und an den Ufern hatten sich alles überwuchernde Pflanzen wie das eingeschleppte Springkraut breit gemacht. Dass der Bach mittlerweile zu einem biologischen Kleinod wurde, bestätigen sogar Wissenschaftler des „FLOW-Projekts“. In diesem bundesweit einmaligen „Leuchtturmprojekt“ untersuchen Bürger und Wissenschaftler gemeinsam den ökologischen Zustand kleiner Fließgewässer. Am Kämpfelbach sind es die Angler des AVK und die Naturschutzorganisation BUND, die die Daten für die Forschenden erhebt. - Der gute ökologisch gute Zustand des Bachs ist demnach kaum noch zu toppen.
Dass das einst fragile Gespinst der Biodiversität zu einem Netz mit vielen starken Knoten wurde, verdankt es einer frühen Entscheidung der Paten. Sie pflanzten über die Jahre mehr als 3.200 Erlen am Bach und seinem Zufluss, dem Bruchbach. Die schattenspenden Bäume sind längst haushoch gewachsen. Ihre Wurzeln reichen tief und befestigen nicht nur das Ufer. Sie wachsen auch in das Wasser hinein, werden dort zu natürlichen ‚Strömungslenkern‘ und lassen den Bach mäandern. Damit bilden sich neue ökologische Nischen: Lebensraum und Rückzugsort für zahlreiche Arten.
Fällt Erlenlaub im Herbst ins Wasser und zersetzt sich, wird es zu einem Baustein der Nahrungspyramide. Schnecken, Bachflohkrebse, Schmerlen, Elritzen, Stichlinge sowie Eintags- und Köcherfliegenlarven fressen es. Und sie alle sind Futter für Forellen.

Junge Erlenwurzeln sind leuchtend rot. „Sie wachsen zum Wasser hin, die anderer Bäume vom Wasser weg“, weiß Harry Faaß.
Foto: Jürgen Oeder
Schlüpfen die Fliegenlarven und landen dann einen Stock höher am Ufer, sind sie Beute räuberischer Spinnen. Und die werden wiederum gefressen von Wasseramseln, Kröten, Eidechsen und Spitzmäusen. Auf dem weiteren Weg nach oben, stehen die Mäuse dann auf dem Speiseplan von Marder, Fuchs und Eulen. – Fressen Eulen am Ende Laub?
Die Arbeit geht den Paten gleichwohl nicht aus, etwa beim Kampf gegen das Springkraut. Das schweizerische Wasserforschungsinstituts Eawag bezeichnet es als die „verheerendste invasive Pflanze Europas“. Das aus Asien stammende Springkraut wächst schnell und verdrängt dabei andere Pflanzen und ganze Artgemeinschaften. Dazu zählt die für Schmetterlinge wichtige Brennnessel: Sie ist Kinderstube der Raupen von 36 Falterarten. Für die der Tagpfauenaugen oder des Admirals sind Brennnesselblätter sogar die einzige Nahrungsquelle.
Es braucht langen Atem, das Springkraut einzudämmen. Eine einzelne Pflanze bildet bis zu 4.300 Samen, die auch nach 5-jähriger Ruhe im Boden noch keimen können. Zudem schleudert die Pflanze ihre Samen aus den Kapseln bis zu 7 m weit. Auch in Flüsse und Bäche. So kommt sie stromab schnell voran. Die Eawag fand heraus, dass sekundäre Pflanzenstoffe des Springkrauts zudem aquatische Ökosysteme gefährden. Gelangen die Stoffe durch Auswaschung in Gewässer, hemmen sie das Wachstum und die Reproduktion von Wasserorganismen.

Das aus Asien eingebrachte Springkraut ist ästhetisch schön, im Ökosystem allerdings gefährlich.
Foto: Johannes Robaloff, Wikimedia CC BY-SA 4.0
Auch gegen andere Pflanzen kämpfen die Bachpaten heute noch an: “Manche Anwohner werfen ihren Grünschnitt einfach über den Gartenzaun in den Bach. Darunter ist auch Kirschlorbeer, der dann weiter unten austreibt“, sagt Harry Faaß. Für heimische Insekten ist der invasive Kirschlorbeer aufgrund seiner Giftigkeit weitgehend wertlos. In der Schweiz gilt deshalb seit 2024 ein Handelsverbot.

Auch von den Paten gepflanzte Kopfweiden sichern die Ufer ab.
Foto: Jürgen Oeder
Kommen der Chefpate und seine Mannen einmal zum Forellenangeln, etwa an der schönsten Stelle des Bachs, den von Erlen umsäumten ‚Kaskaden‘, dann ist der Einklang der Natur dort am Wasser für sie Lohn ihrer Mühen und sie werden sicherlich denken: „Alles richtig gemacht!“

Harry Faaß ist immer im Einsatz: Wohlstandsmüll, wie hier Styropor, wird gleich eingesammelt.
Foto: Jürgen Oeder